Fast zwei Jahre im Eis eingeschlossen, ein hunderte Kilometer langer Fußmarsch über das gefrorene Meer, Erfrierungen und Hunger: Die Jeannette-Expedition zum Nordpol verlief äußerst dramatisch. Über den harten Überlebenskampf schrieb Hampton Sides ein Sachbuch, das packend wie ein Krimi ist.

Die offizielle US-Nordpol-Expedition hätte eine Sensation werden können. Das Schiff wurde mit der neuesten Technik ausgestattet. Der Kapitän war bestens informiert über den aktuellen Stand der Forschung und an Bord befand sich eine erfahrene Mannschaft. Vieles sprach für einen guten Verlauf, als im Juli 1870 die Jeannette in San Fransisco ablegte. Ihr Ziel war es, in eine der wenige Regionen der Erde vorzudringen, die noch nicht erkundet war. Doch was so vielversprechend begann, entwickelte sich schnell zu einer Katastrophe. „Die Polarfahrt“ von Hampton Sides berichtet eindrucksvoll von diesem Desaster.

Unter dem Druck begann der hölzerne Rumpf zu ächzen, und binnen weniger Minuten war die Jeannette im Eis gefangen. Der heillos überlastete Motor röchelte und entließ dicke Dampfwolken in die Luft, doch das Schiff bewegte sich nicht einen Zentimeter.

Hampton Sides: Die Polarfahrt, mareverlag 2017, S.215

Bereits im September wurde das Schiff im Eis eingeschlossen. Rund eineinhalb Jahre driftete es ab, bis es sank. Ohne Schiff und 1500 Kilometer von der Küste Nordsibiriens entfernt, blieb der 33-köpfigen Mannschaft nur ein strapaziöser Fussmarsch über das Eis.

Zu Fuß 1500 Kilometer über das Eis

Mit den Rettungsbooten schleppten sich die Männer wochenlang über das zugefrorene Meer. Sie hungerten und erlitten Erfrierungen, kamen an ihre physischen und psychischen Grenzen. Am Ende schafften es tatsächlich zwei der drei Boote im Delta der Lena an Land zu gehen. Doch der Kampf ist dort noch nicht zu Ende. Bis die Männer in dem menschenleeren Land Hilfe bekommen, fordert das zahlreiche Opfer.

DeLong blieb bis tief in die Nacht im Krähennest und sah den Männern hinterher, die sich nur langsam vom Schiff entfernten. Sie schleppten sich mühsam übers Eis und mussten aberwitzige Umwege machen. Ihrem kamen sie so allenfalls zentimeterweise näher. Von DeLongs Position aus wirkten sie wie Mistkäfer, die sich in den Kopf gesetzt hatten, die Wüste zu durchqueren.

Sides, S. 275/276

Heute weiß man so viel über diese Ereignisse, weil es noch viele Schriftstücke aus der Zeit gibt. Es blieben nicht nur die Tage- und Logbücher sowie Brief der Mannschaft erhalten. Auch die Zeitungen berichteten damals ausführlich über die Expedition.

Akribische Recherche

Dem us-amerikanischen Autor Hampton Sides ist es mit Hilfe diese Quellen gelungen, eine unglaublich packende und detaillierte Geschichte zu schreiben. Das Leben an Bord, die verschiedenen Charaktere der Mannschaft und der Überlebenskampf schildert er sehr lebendig. Dass es sich dabei um ein hervorragend recherchiertes Sachbuch handelt vergisst man beim Lesen fast.

So grausam das Eis war, so schön konnte es sein. Das Meerwasser, das von unten an die Schollen klatschte, erzeugte ein monotones Rauschen; es erinnerte an den Klang eines Insektenschwarms und hatte etwas beruhigendes.

Sides, S. 334

Durch das Buch „Die Polarfahrt“ lässt Sides den Leser nicht nur an dem Abenteuer teilhaben. Er gibt auch interessante Einblicke in die damalige Zeit mit einem sensationgsgierigen Journalismus und einer auf Expansion bedachten us-amerikanischen Regierung. Eine besondere Dramatik eröffnet sich durch den Blick auf die damalige Technik. Durchaus schon weit entwickelt, aber noch längst nicht ausgereift, trägt sie ein Stück weit zum Scheitern der Expedition bei. Denn kaum war die „Jeannette“ in See gestochen, stellten sich die neuen Gerätschaften als unbrauchbar heraus – während sie an Land gerade erheblich verbessert wurden. Verhindert worden wäre das Unglück vermutlich auch, wenn die Theorie vom eisfreien Nordpol nicht kurz nach Expeditionsbeginn widerlegt worden wäre.

Fazit: Ein äußerst spannendes Sachbuch über eine dramatische Expedition.

Hampton Sides: Die Polarfahrt:  Von einer unwiderstehlichen Sehnsucht, einem grandiosen Plan und seinem dramatischen Ende im Eis. Mare Verlag, 2019, 580 Seiten.

Dramatische Expedition: „Die Polarfahrt“

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