Eigentlich ist „Schneesturz“ alles andere als ein vergnüglicher Abenteuerroman. Das Buch erzählt von Deutschlands schlimmster Lawinenkatastrophe, die 1844 den Schwarzwald erschütterte. Autorin Julia Heinecke verwebt in ihrem Roman die historischen Fakten mit fiktionalen Elementen zu einem Gesamtbild.

Nicht in den Alpen, sondern im Schwarzwald fand Deutschlands schwerstes Lawinenunglück statt. Es war im Februar 1844 als in einem abgelegenen Tal bei Furtwangen gewaltige Schneemassen einen Hof unter sich begruben. Elf Erwachsene und fünf Kinder kamen dabei ums Leben. Julia Heinecke begnügt sich in „Schneesturz“ nicht nur mit der Schilderung der Katastrophe. Sie widmet sich vor allem dem Schicksal der Betroffenen.

Zwei unterschiedliche Frauenfiguren

Die Autorin lässt die Geschichte elf Jahre vor dem Unglück mit dem Einzug der Tritschlers im Königenhof beginnen. Im Fokus stehen vor allem die drittälteste Tochter, der Wildfang Bibiane und Walburga, ihre Mutter. Zwei unterschiedliche Charaktere, in deren Gedanken- und Gefühlswelt der Leser gute Einblicke erhält. Während die eine sich nur schwer zähmen lässt und ihren eigenen Weg gehen will, ist die andere in ihrem Leben gefangen. Den Demütigungen ihres Mannes hat sie kaum etwas entgegenzusetzen und sie plagt sich von einer Schwangerschaft zur nächsten.

Im selben Moment donnert es bedrohlich, und die Stube beginnt zu zittern. (…) Das Donnern schwoll an und ging über in ein gewaltiges Krachen. Das Licht erlosch in einem Windstoß. Nur Bruchteile von Sekunden später spürten sie den Schnee kommen.

Julia Heinecke: Schneesturz. Der Fall des Königenhofs – historischer Roman aus dem Schwarzwald, Gmeiner 2021, S. 143

Die Einblick, die der Leser in das Leben einer großbäuerlichen Familie im 19. Jahrhundert im Schwarzwald erhält, sind sehr realistisch. Die Arbeit im Wald und auf dem Feld war hart und unter einem Dach mussten mehrere Familien in beengten Verhältnissen zusammenleben. Konflikte waren da vorprogrammiert. Angenehm ist auch, das die in Filmen und Büchern über den Schwarzwald oft obligatorisch mystische Komponente in „Schneesturz“ nur dezent eingesetzt wird.

Vorhersehbares Unglück

Das Unheil kündigt sich schon Jahre vorher an. Nach und nach wird der Wald rund um den Hof abgeholzt. Damit geht auch der Schutz vor Schneemassen verloren. Und so kommt es schließlich zur Katastrophe. Wie die Bewohner und ihre Gäste im Schnee eingeschlossen sind, das schildert die Autorin sehr plastisch. Mit wie viel Angst, Schmerz und Verzweiflung die Verschütteten auf ihre Rettung warten ist sehr eindringlich und raubt dem Leser fast den Atem. Zwar sind bald Helfer zu Stelle, in der damaligen Zeit aber nur mit einfachen Hilfsmitteln ausgerüstet.

Er sah nichts als Dunkelheit und fühlte sich wie in einem Schraubstock. Seine Beine schienen festzustecken, er konnte nicht einmal einen Fuß anheben. (…) Philo wurde von einem beklemmenden Gefühl übermannt, als ihm klar wurde, was passiert sein musste. Er lag unter Schnee begraben. Er musste hier raus, so schnell wie möglich, aber er konnte sich nicht einen Zoll aus seinem weißen Gefängnis fortbewegen.

Schneesturz, S. 147 – 148

Fünf Tage nach dem Abgang der Lawine ist die Rettungsaktion beendet. Während für die Helfer der Alltag weitergeht, bleiben die Überlebenden zurück. Wie schwer ihnen es fällt wieder Fuß zu fassen, zeigt zum Ende das ganze Ausmaß des Dramas.

Fazit: „Schneesturz“ ist ein vielschichtiges Buch, das die Katastrophe von vielen Seiten beleuchtet. Die Opfer sind lebendig gezeichnet, so dass deren Geschichte nahe geht.

Info: Hier gibt es weitere Informationen über das Unglück https://www.badische-zeitung.de/vor-175-jahren-starben-16-menschen-im-schwarzwald-nach-einer-lawine–166981380.html

Julia Heinecke, Schneesturz. Der Fall des Königenhofs – historischer Roman aus dem Schwarzwald, Gmeiner 2021, 251 Seiten

Katastrophe im Schwarzwald: Schneesturz

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.